PRESSE - ARTIKEL

Ibbenbürener Volkszeitung vom 03.03.2007

Wer nichts tut, hat schon verloren

Projekt "Alt für Jung": Erfahrene Coaches wollen Harkenbergschülern helfen

von Stephan Beermann

HÖRSTEL. Der Zuspruch hält sich noch in Grenzen. Ein, zwei Anmeldungen, das war's an diesem Morgen. Doch die vier Coaches Annette Brugger, Reinhold Baumeier, Christa Terheiden und Thomas Auf'm Orte lassen sich nach zweistündigem Gespräch mit Schülern der Jahrgangsstufe 10 der Harkenberg-Hauptschule nicht entmutigen. "Einige lassen sich Zeit und werden sich später bei uns melden, wenn die Mitschüler nicht dabei sind", weiß Baumeier. Der frisch pensionierte Hauptschullehrer gehört zu den Coaches, die sich ehrenamtlich und unentgeltlich dafür einsetzen wollen, dass junge Menschen einen guten Start ins Berufsleben finden.

"Alt für Jung" ist ein generationsübergreifendes Projekt der Bürgerstiftung Tecklenburger Land in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Finanziell unterstützt wurde die Bürgerstiftung dabei unter anderem von der "Aktion Mensch". Die vier Coaches haben die Schülerinnen und Schüler in vier Gruppen aufgeteilt. Die Männer übernehmen die Jungen, die Frauen die Mädchen. Ein Junge aus Baumeiers Gruppe verschwindet relativ schnell wieder; er spielt mit dem Handy, zeigt kein Interesse. "Wer nichts tut, hat schon verloren, der hat sich bereits aufgegeben. Tust du aber was, verbessert das deine Chance", sagt Baumeier. Die Botschaft kommt bei den übrigen Jungen an; zumindest nicken sie. Einige von ihnen haben Dutzende Bewerbungen losgeschickt und nur Absagen erhalten.

Baumeier zeigt sich positiv überrascht von der Motivation. Doch stehen die Chancen der 16-, 17-Jährigen schlecht, mit einem sogenannten 10-A-Abschluss einen Ausbildungsplatz für den Traumberuf zu finden. Einer der ersten Aufgaben der Coaches besteht darin, auf Alternativen hinzuweisen, mehrgleisig zu fahren. Es kann nicht jeder später Autos reparieren oder hinterm Bankschalter stehen. Beim Abtasten der Möglichkeiten ist die Erfahrung von Menschen gefragt, die viele Jahre Berufserfahrung mitbringen, weiß Projektleiterin Christa Terheiden. Sie holen die jungen Menschen an einem Punkt ab, ab dem der Einzelne den Schutz von Clique und Schulklasse hinter sich lassen muss. "Die Coaches wollen euch bei der Bewerbung unterstützen und vorbereiten auf das Vorstellungsgespräch. Sie schenken euch Zeit und Wissen", erläutert Terheiden. Im Gegenzug bittet sie die Schüler darum, ihrerseits fair zu bleiben und Termine einzuhalten.

Nicht einmal jeder Fünfte der Schulabgänger der Hörsteler Hauptschule hat einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Viele derer, die einen 10-A-Abschluss machen, wollen weiter eine Schule in Rheine oder Ibbenbüren besuchen. "Wir sind hier um jeden Ausbildungsplatz dankbar. Jeder Platz ist ein Gewinn", meint Sabine Hohenhaus, die zuständig ist für den Bereich Arbeitslehre und Wirtschaft an der Schule.

Zu den Coaches an diesem Morgen gehört auch eine ehemalige Lehrerin der kaufmännischen Schulen in Ibbenbüren. "Was glaubt ihr, worauf achten die Arbeitgeber bei einem Zeugnis als Erstes?", fragt Annette Brugger. Deutsch? Englisch? Mathe? Nichts davon, es sind die Fehlstunden und Randbemerkungen, zum Beispiel über Aktitivitäten in Arbeitsgemeinschaften. "Bei 100 Fehlstunden, davon 90 unentschuldigt, hat man selbst mit einem Notendurchschnitt von 2,2 keine Chance", sagt sie.

Sie ist erstaunt, dass die Mädchen aus ihrer Arbeitsgruppe so wenige Bewerbungen losgeschickt haben. Offensichtlich ist es nicht bei allen angekommen, dass zahlreiche Lehrstellen bereits im August des Vorjahres oder noch früher vergeben werden. "Habt ihr schon einmal in dem Betrieb nachgefragt, wo ihr euer Praktikum gemacht habt?", will sie wissen.

Die Schülerinnen dieser Gruppe wirken verunsichert, sind zurückhaltend. Ein Mädchen sagt es dann ganz offen: "Häufig sagen die doch, wer von der Hauptschule kommt, der ist dumm, der bringt es nicht."

Brugger und ihre Kollegen wissen: Es geht hier um mehr als um die Vermittlung von Fachwissen und Tipps. Die Jugendlichen haben bereits leidvolle Erfahrungen gemacht. Sei brauchen ein offenes Ohr für ihre Probleme. Hier wird der Coach auch dazu benötigt, das Selbstvertrauen zu stärken.

Das Projekt "Alt für Jung" sucht weitere Coaches aus der Stadt Hörstel. Infos gibt es bei Christa Terheiden, Tel. 0 54 51 / 96 86 13.

Zuhören können, auch das gehört zu den Aufgaben der Coaches, weiß Projektleiterin Christa Terheiden.
Reinhold Baumeier (l.) bringt beim Gespräch mit den Jugendlichen seine Erfahrung ein.
"Wir sind hier um jeden Ausbildungsplatz dankbar."

Fotos: Stephan Beermann

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Foto: Stephan Beemann


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