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Westfälische Nachrichten vom 23.06.2008

Der kleine Schubs in den Beruf

Bürgerstiftung stellt jungen Leuten Kontakte her zur Arbeitswelt / "Überzeugen müssen sie selbst"

von Julia Gottschick

IBBENBÜREN. Anika ist ein Musterbeispiel. Die Auszubildende denkt mit, ist zuvorkommend, zuverlässig und arbeitet gern im Team. Sie bringt all jene Soft Skills - sozialen Eigenschaften also - mit, die manch ein Lehrling erst mühsam lernen muss.

"Wenn ich junge Leute auf Vorstellungsgespräche vorbereite, dann feilen wir dran: Wie präsentiere ich mich am besten? Selbstbewusst, aber nicht überheblich, kompetent, aber nicht abgehoben, freundlich, aber nicht unterwürfig", umreißt Edda Jagemann von der Bürgerstiftung Tecklenburger Land die Herangehensweise. Die 66-jährige pensionierte Lehrerin ist eine von 30 Coaches, die jungen Leuten in und um Ibbenbüren beim Einstieg ins Berufsleben helfen. "Alt für Jung", heißt das jüngste Stiftungsprojekt, in dessen Rahmen sie Kontakte zur Arbeitswelt herstellen, Bewerbungen auf den Weg bringen und die Azubis auch weiter im Berufsleben betreuen, wenn's mal Probleme gibt.

Bei Anika gab's die nie. Die 17-jährige "zahnmedizinische Fachangestellte" in spe ist beliebt in ihrer Ausbildungspraxis. "Läuft bestens", zaubert ihr Chef Dr. Norbert Meyer mit seinem Lob ein leichtes Rosa auf Anikas Wangen. Die junge Frau habe so viel Talent mitgebracht, dass man sicher auch ohne die Bürgerstiftung zueinander gefunden hätte. Das trifft nicht für alle Schützlinge zu: Kümmern sich die Pensionäre aus Handwerk und Einzelhandel doch meist um schwierigere Fälle. Jene mit schlechten Noten, mit "Null-Bock-Mentalität". Kaputte Elternhäuser machen es jungen Leuten nicht leichter, nach Real-, aber vor allem Hauptschule den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Eltern etwa, die selbst zu verstrickt sind in eigene Konflikte, als dass sie den Nachwuchs auf Trab brächten. Die hilflos sind angesichts wachsender Arbeitslosigkeit oder keine Kontakte zur Arbeitswelt haben. "Da helfen wir aus, reden mit Müttern und Väter, um zu sehen: Wo hapert es beim Filius -und wo sind seine Stärken?", erzählt Edda Jagemann. Die Coaches gehen an Schulen und werben für ihr Angebot. Wer Hilfe will beim Weg nach oben, kann Unterlagen mit den wichtigsten Daten und Berufswünschen ausfüllen.

"Wir sondern auch aus", räumt Jagemann ein. Wenn jemand kriminell ist oder psychisch so sehr belastet, dass er erst eine Therapie braucht. Ansonsten sind die Coaches willens, mit ihren Schützlingen durch Höhen und Tiefen zu gehen. "Häufig", weiß Edda Jagemann, falle es jungen Leuten leichter, mit Fremden zu sprechen - über Ängste und Wünsche und Hemmungen und Hoffnungen. Viele seien dankbar, wenn jemand da sei, mit Lebenserfahrung, jemand, der auch mal mitgeht zum künftigen Arbeitgeber. Das gibt Mut und Motivation. "Überzeugen aber müssen sie selbst", weiß Jagemann. Wie Anika. Und selbst, wenn es bei ihr nie nötig war, weiß ihr Chef um die Vorzüge eines Coaches. "Hätte es Probleme gegeben - denn wir haben hier mit Azubis schon alles gehabt -, dann hätte ich einen Ansprechpartner gehabt." Für manch einen Arbeitgeber sicher ein Argument, bei zwei Bewerbern dem Stiftungsschützling den Vorzug zu geben.

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Foto: Julia Gottschick