PRESSE - ARTIKEL

Ibbenbürener Volkszeitung vom 02.09.2008

Hartnäckig dranbleiben!

Auf der Suche nach einerAusbildung profitieren Jugendliche von den Erfahrungen Älterer

TECKLENBURGER LAND. Die Bürgerstiftung Tecklenburger Land für Menschen in Not und der Sozialdienst katholischer Frauen in Ibbenbüren suchen Coaches für junge Leute. Die Ehrenamtlichen betreuen junge Frauen und Männer, die Hilfe haben möchten beim Wechsel von der Schule ins Berufsleben. Die Betreuung erfolgt von beiden Seiten auf rein freiwilliger Basis und mit Einverständnis der Erziehungsberechtigten. Die Coaches werden für ihre Arbeit qualifiziert und treffen sich in Gesprächskreisen zum Erfahrungsaustausch. Gefragt ist kein Nachhilfeunterricht in Schulfächern, sondern menschlicher Kontakt, aktives Zuhören und tatkräftige Hilfe. Elke Lutterberg sprach mit den ehrenamtlichen Coaches Ellen Poggemann (53) und Konrad Bertels (65) und den Schülern Jasmin Biekötter (16) und Kilian Arends (16) über ihre Erfahrungen während ihrer Zusammenarbeit in dem innovativen Projekt, das übrigens von der Aktion Mensch unterstützt wird.

Wie und warum haben Sie sich an die Coaches gewandt?

Jasmin Biekötter: Ich wusste nicht, welchen Beruf ich wählen, welche Richtung ich einschlagen soll. Es gibt doch so viele. Ellen hat mir dann dabei geholfen. Sie hat mit mir gemeinsam sortiert, was ich machen kann.

Kilian Arends: Ich war mir auch nicht schlüssig, wollte was mit Technik machen. Während eines Projektes in der Anne-Frank-Realschule waren die Coaches da und haben uns gefragt, ob wir Hilfe wünschen. Auch die informativen Flyer des Projektes hatten mir sehr zugesagt.

Wie können Ihnen die Coaches helfen?

Jasmin Biekötter: Ellen hat Kontakte, die meine Eltern zum Beispiel nicht haben. Sie kennt mehr Berufe.

Ellen Poggemann: Ich habe ihr ein Praktikum im Bürobereich besorgen können.

Jasmin Biekötter: Und das hat mir sehr gut gefallen. Mein Berufswunsch geht jetzt in die Richtung Bürokauffrau oder Bankfachangestellte. Aber ein weiteres Praktikum im Kindergarten steht noch an. Das habe ich mir übrigens selbst gesucht. Und danach werde ich wissen, was mir eher liegt.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Kilian?

Kilian Arends: Ich habe Praktika gemacht als Landmaschinentechniker und in einem weiteren technischen Betrieb und gemerkt, dass mir das nicht so liegt. Ich werde in den Kraftfahrzeugbereich gehen. Herr Bertels hat mir nicht nur bei der Suche der Praktika, sondern auch bei den rund 20 Bewerbungen geholfen. Im Oktober 2007 hatte ich dann einen Einstellungstest, vor vier Wochen das Einstellungsgespräch. Jetzt habe ich die Zusage.

Wieso konnte Ihnen Konrad Bertels besser helfen, als zum Beispiel andere?

Kilian Arends: Herr Bertels geht offener an die Sachen ran. Hat selbst junge Menschen ausgebildet, weiß daher auch, wie Bewerbungen aussehen müssen.

Sind denn alle Schüler so engagiert?

Ellen Poggemann: Jasmin war schon sehr motiviert. Ich habe andere Mädchen gecoached, die wesentlich schwieriger waren. Jasmin ist klarer als andere, und das ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen: Dass die Kinder die Hilfe wirklich wollen. Und auch wenn nicht für jeden die Ausbildung als Ziel ansteht, es klärt sich was, und das ist sehr hilfreich, zu wissen: Wenn das mit der Ausbildung nicht klappt, geht man erst mal zur weiterführenden Schule.

Wie empfinden die Eltern die Hilfe für ihre Kinder?

Jasmin Biekötter: Meine Eltern finden das sehr, sehr gut. Dass sie sich bewerben mussten, liegt schon längere Zeit zurück. Sie wissen nicht so genau, wie Bewerbungen jetzt aussehen müssen.

Wie viel Schüler haben sich denn für einen Coach beworben?

Konrad Bertels: Wir haben nach 118 Schülern in 2007 in diesem Jahr 77 neue Anfragen, davon 42 Mädchen. Die Schüler werden 2009 entlassen.

Wie viel Coaches stehen dieser Zahl gegenüber?

Ellen Poggemann: Zurzeit sind es knapp 30 Coaches. Wir könnten nochmal so viele gebrauchen, insbesondere Frauen. Unser Prinzip lautet, dass Frauen Mädchen betreuen, und Männer die Jungen.

Wie viel Zeit investieren Sie in Ihr Ehrenamt?

Ellen Poggemann: Bislang habe ich die Stunden nicht gezählt. Das schöne daran ist, dass ich mir meine Zeit für dieses Ehrenamt frei einteilen kann.

Konrad Bertels: Bei mir waren es so 15 Stunden im Monat. Dazu muss ich sagen, dass ich sechs Schüler betreut habe. Wie viel Schüler ein Coach betreut, bleibt ihm selbst überlassen. Ich habe für mich entschieden, dass maximal drei eine gute Zahl ist - für mich persönlich. Der Zeitaufwand ist natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Auch ist es so, dass man sich manchmal wöchentlich trifft, dann wieder einige Wochen gar nicht.

Was genau ist die Aufgabe eines Coaches?

Konrad Bertels: Wir geben unser Wissen und unsere Erfahrungen an die Jugendlichen weiter. Wir geben Orientierungshilfe, helfen bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen, sind bei der Vermittlung von Praktikums- und Ausbildungsplätzen behilflich. Wir klären auf, dass sich die Jugendlichen bei der Agentur für Arbeit anmelden, wo sie auch berufsunterstützende Fördermittel beantragen können. Das wissen die wenigsten.

Ellen Poggemann: Wir geben Infos weiter. Zum Beispiel auch die, dass in der Stadtbücherei ein PC steht, an dem sie ihre Bewerbungen schreiben können. In manchen Elternhäusern gibt es weder Computer noch eine Schreibmaschine. Die haben gar kein Werkzeug, da fehlen die Bedingungen, und die Unterschiede im Elternhaus wirken sich natürlich auch auf das Verhalten bei der Ausbildungssuche aus.

Was wäre gewesen, wenn Ihr die Hilfe der Coaches nicht in Anspruch genommen hättet?

Jasmin Biekötter: Ich hätte in den Sommerferien nichts gemacht, kein Praktikum, nichts. Dann hätte ich einfach Ferien gemacht und nichts für meine berufliche Zukunft vorbereitet.

Kilian Arends: Wenn die Eltern einen nicht so unterstützen können, dann sollte man sich unbedingt an einen Coach wenden.

Es heißt, es sind noch so viele Lehrstellen frei, warum ist es dann so schwierig, die Jugendlichen zu vermitteln?

Konrad Bertels: Es nützt alles nichts, wenn man keinen vernünftigen Schulabschluss hat. Die Schüler machen sich nicht klar, dass die schönen Lehrstellen, die frei sind, nicht zu kriegen sind, wenn sie nicht einen guten Schulabschluss vorweisen können. Man kann übrigens eine Lehre auch noch im Herbst antreten, das ist nicht zu spät. Deshalb kann ich allen Schülern, die wirklich einen Ausbildungsplatz wollen, nur raten, dranzubleiben, nachzufassen, nachzuhaken, hartnäckig bleiben. Und da ist Kilian zum Beispiel ein Musterbeispiel. Er hat mehrere Praktika gemacht, viele Bewerbungen
geschrieben, und sich für den Fall, dass es nicht klappt, schon einen Platz im Berufskolleg gesichert. Der ist jetzt wieder frei, denn Kilian beginnt seine Lehre in seinem Traumberuf als Kraftfahrzeugmechatroniker in Kürze.

Info unter 0 54 51 / 96 86 40 oder 0 54 51 / 35 71.

In loser Reihenfolge wollen wir Ihnen Menschen aus dem Tecklenburger Land vorstellen, die sich dem Ehrenamt verschrieben haben. Wenn Sie jemanden kennen, der sich uneigennützig für das Wohl anderer Menschen einsetzt und Sie glauben, dass auch dieser Bekannte in unsere Serie passt, rufen Sie uns an, unter 0 54 51/ 93 32 52.

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