PRESSE - ARTIKEL

Ibbenbürener Volkszeitung vom 06.09.2008

An den Klippen des Schulalltags

Gabriele Flechsig arbeitet als Schulsozialpädagogin an der Schule am Aasee

IBBENBÜREN. Gabriele Flechsig (43) ist seit fünf Jahren Sozialpädagogin an der Schule am Aasee – ein Berufsbild, das es inzwischen an fast allen Hauptschulen im Kreis Steinfurt gibt. Bevor sie ihre Stelle an der Schule am Aasee an- trat, hatte die Mutter dreier Kinder bereits Berufserfahrung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie in einer Uni-Klinik und in einem Son- der Kindergarten gesammelt. Cornelia Ruholl sprach mit ihr über die Aufgaben der Schulsozialpädagogin, über Projekte und Erfahrungen.

Gibt es einen bestimmten Weg, wie Schülermit Ihnen in Kontakt treten?

Flechsig: Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Es kann sein, dass ein Lehrer mich ins Boot holt und mich bittet, einmal mit einem bestimmten Schüler zu sprechen, mit dem es ein Problem gibt. Es kann auch sein, dass Schüler von sich aus den Weg zu mir suchen und um ein Gespräch bitten. Und natürlich habe ich auch regelmäßigen Kontakt mit allen Schülern durch die verschiedenen Projekte, die ich anbiete.

Mit welchen Anliegen kommen Schüler zu Ihnen?

Flechsig: Oft kommen sie wegen Konflikten mit anderen Schülern, die sie allein nicht lösen können, zum Beispiel, wenn sie sich ständig geärgert oder gar gemobbt fühlen. Es kommt auch vor, dass sie Sorgen zu Hause haben oder die Situation dort sie belastet, zum Beispiel wenn jemand krank ist oder der Familie ein Umzug bevorsteht.
Wie können Sie denn helfen?

Flechsig: Manchmal reicht es schon, einen Tipp zu geben, wie sie zum Beispiel das Problem mit dem Mitschüler lösen können. Ab und an ist die Situation aber auch schon so festgefahren, dass ich den oder die anderen Schüler da- zu bitten muss, um gemein- sam Gespräche zu führen. Es gibt auch Fälle, da lasse ich sie einfach nur erzählen, da reicht es schon, wenn sie Zuwendung erfahren und ihnen jemand zuhört. Aber es gibt natürlich auch Probleme, die ein Elterngespräch nötig machen. Ab und zu, wenn Eltern gar nicht bereit sind herzu- kommen, mache ich auch mal Hausbesuche.

Lassen sich die Konflikte immer mit einem Gespräch lösen?

Flechsig: In der Regel handelt es sich um ganz normale Konflikte mit Eltern, die Jugendliche eben haben. Zum Beispiel, weil sie über die Stränge geschlagen sind. Da geht es dann um relativ normale Streitigkeiten zwischen Eltern und Jugendlichen, die manchmal eskalieren. Dann meinen Schüler schon mal, sie können nicht mehr mit den Eltern reden und kommen auf die Idee, nach der Schule nicht nach Hause zu fahren. Im Extremfall kann es aber sein, dass Schüler das Elternhaus verlassen müssen und in die Jugendschutzstelle gehen. Zum Beispiel wenn Eltern psychisch krank sind. Diese Schüler kommen oftmals gar nicht von sich aus. Manchmal sehen wir dann einfach durch zunehmende Verwahrlosung, dass etwas nicht stimmt.

Was ist, wenn Schüler, die Probleme haben, gar nicht zu Ihnen kommen?

Flechsig: Das kommt auch vor. Wenn zum Beispiel Fehlzeiten zu hoch werden, ist es meine Aufgabe, nachzuhalten, woran es liegt. Wenn es einem Schüler in der Schule schlecht geht, äußert es sich oft durch somatische Beschwerden, wenn sie über Kopf- oder Bauchschmerzen klagen. Manchmal zeigt es, dass sie einfach nicht in der Lage sind, Konflikte auszutragen und unangenehme Situationen auszuhalten. Es ist aber wichtig, dass Schüler auch in der Lage sind, einen Schultag durchzuhalten.

Sind Eltern da zu nachgiebig?

Flechsig: Wenn keine ernst- hafte Krankheit die häufigen Fehlzeiten unvermeidlich macht, dann wäre es schon wichtig, dass klar gemacht wird, was Krankheit ist. Ist man schon beim ersten Bauch- flattern krank oder erst, wenn man Fieber hat? Einige Eltern haben auch selbstkeinen Rhythmus, gehen zum Beispiel viel zu spät ins Bett, um morgens rechtzeitig für die Kinder da sein zu können. Dann müssen Schüler schon eine ganze Menge leisten.

Einen Großteil Ihrer Arbeit machen auch die Projekte aus. Worum geht es dabei?

Flechsig: Grundlage meiner Arbeit ist das Kennenlernen aller Schüler. Nicht zuletzt deshalb mache ich das Projekt „Fit und stark“ jedes Schuljahr ganzjährig mit den fünften Klassen. Dabei sehe ich die Klasse regelmäßig. In diesem Projekt geht es unter anderem um Fragen wie „Wer bin ich, was sind meine Stärken und Schwächen? Wie gehe ich mit Konflikten um? Wir üben zum Beispiel in Rollenspielen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. In der sechsten Klasse gehen wir verstärkt auf das Thema Rauchen ein und beteiligen uns an dem Projekt „Be smart, don‘t start“. Dann gibt es in der siebten Klasse das Gewaltpräventionsprojekt, das wir in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt machen. In Klasse 8 geht es um Berufswahl und um das Thema Alkohol. Und in der neunten Klasse gibt es ein regel- mäßiges Projekt zu Sexualhygiene und Aidsprävention, das wir mit Unterstützung der AWo Münster und dem Gesundheitsamt anbieten. Das Thema ist ganz wichtig. Bei diesem Thema besteht große Unsicherheit. Wir haben qua- si jedes Schuljahr eine Schülerin, die schwanger wird.

Mit welchen schulexternen Stellen arbeiten Sie zusammen?

Flechsig: Wir sind mit dem Jugendamt im Kontakt und bei Straftaten mit der Jugengerichtshilfe, arbeiten mit der Polizei zusammen, mit Beratungsstellen der Caritas wie Erziehungshilfe und Drogenberatung, wo wir auch beim SAM-Projekt (Schüler als Multiplikatoren) gegen Dro- gen mitmachen. Wir hatten auch schon einmal einen Elternabend mit der Drogenberatungsstelle organisiert. Aber aktive Zusammenarbeit mit den Eltern ist bei uns ganz schwierig. Eltern, die mit der Schule zusammenarbeiten, beteiligen sich auch an den Klassenpflegschaftssitzungen. Gerade bei Schülern mit Problemen ist das ganz oft nicht der Fall. Beim Thema Berufswahl nehmen wir auch an dem Projekt der Bürgerstiftung „Alt für Jung“ teil, bei dem erfahrene Menschen ihre Kompetenzen und Verbindungen einbringen, um einen Schüler zu coachen und ihm beim Übergang in eine Berufsausbildung zu helfen. Das ist eine Riesenchance. Die Motivation dazu muss aber von den Schülern kommen. Es gibt viele, die gar keine Bewerbungen mehr schreiben, weil sie sich gar nichts mehr zutrauen.

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Foto: Cornelia Ruholl